POTSDAM / TEMPLINER VORSTADT - Der Betrieb des geplanten Jugendkulturzentrums „Freiland“ an der Friedrich-Engels-Straße soll nun doch nicht europaweit ausgeschrieben werden. Jugenddezernentin Elona Müller kündigte gestern an, dass der Träger voraussichtlich per Interessenbekundungsverfahren gesucht werden soll. Ein vergleichbares Prozedere wurde bei der Suche nach neuen Trägern für die kriselnden Soziokulturzentren Waschhaus und Lindenpark angewandt. Laut Müller könne der Betreiber spätestens Anfang 2010 gefunden sein. Vorausgesetzt, die Stadtverordneten lassen am Mittwoch zwei Papiere der Verwaltung passieren, mit denen die Angebote der Jugendkultur für die nächsten Jahre festgeschrieben und teils neu geordnet werden sollen.
Mit dem „Freiland“-Rahmenkonzept erfüllt die Verwaltung einen Auftrag der Stadtverordneten. Im Juni hatten sie dem Projekt schon ohne Gegenstimmen ihre Zustimmung gegeben. Dazu gab es die Auflage an die Verwaltung, bis September ein Finanzierungskonzept vorzulegen. Das Geld für den ersten Teil des „Freiland“-Projektes mit Räumen für den Spartacus e.V. und den S-13-Jugendklub sowie Bandprobenräume und Graffitiflächen ist laut Müller beisammen. Gesichert ist nach ihren Angaben insbesondere die Mitgift der Stadtwerke, die das Gelände des alten Wasserbetriebes mit Zehnjahresfrist entgeltfrei zur Verfügung stellen und dazu noch 440 000 Euro für Bauleistungen beisteuern sollen. Offen sei noch, wie die Stadtwerke sich einbringen. Die Verwaltung favorisiere die Gründung einer Stiftung. Die Stadt will 500 000 Euro beisteuern. 200 000 kommen aus einem im Kulturhaushalt verankerten Etatposten für ein soziokulturelles Zentrum. 300 000 Euro sollen aus dem Sozialdezernat kommen, das Geld war für Investitionen in der Zeppelinstraße 189, Hausnummer des Frauenzentrums, reserviert. Weitere 100 000 Euro sollen aus dem Etat der Potsdamer Arbeitsgemeinschaft zur Grundsicherung für Arbeitsuchende (Paga) kommen.
Gefüllt ist laut Müller auch die Lücke im jährlichen Betriebskostenzuschuss von insgesamt 125 000 Euro. Zusätzliches Geld soll über die Umlenkung von Finanzen für je eine halbe Stelle beim Jugendklub Nowawes und beim Stadtjugendring, sowie von 20 000 Euro aus dem Budget für kulturelle Projektförderung fließen. CDU-Landtagskandidat Steeven Bretz äußerte gestern erneut Kritik, dass das „Freiland“-Projekt zu Lasten anderer Projekte gehen werde. Linke-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg kritisierte, das als Mitteilung deklarierte Rahmenkonzept sei nur bedingt verbindlich. Er kündigte für Mittwoch einen Dringlichkeitsantrag seiner Fraktion an, nach dem die Umsetzung dieses Konzeptes beschlossen werden soll.
Abgestimmt werden soll außerdem über ein „Rahmenkonzept Jugendkultur“, das allerdings umstritten ist. Sprecher der auf Wunsch der Verwaltung zusammengekommenen Arbeitsgruppe Alternative Jugendkultur in Potsdam (AJKP) nannten es gestern eine „Beleidigung“, dass man dieses Papier mit ihnen erst nach dem Beschluss durch die Stadtverordneten diskutieren wolle. Zentrale Forderungen ihres 13-Punkte-Kataloges zur Jugendkultur seien in dem Papier zudem nicht berücksichtigt. Kritisiert wurde das drohende Aus des alternativen Jugendkulturzentrums „Archiv“ in der Leipziger Straße. Laut Verwaltung ist die vom Trägerverein gewünschte Finanzhilfe der Stadt für die Sanierung „derzeit nicht darstellbar“. Laut Elona Müller gibt es „keine Alternative“ zum Abschluss eines Erbpachtvertrages, mit dem der Verein selbst in die Lage versetzt werden soll, Geld für die Sanierung des Hauses zu besorgen. Die Betriebsgenehmigung ist vorerst bis zum 31. Dezember befristet.
Ein Kernpunkt des AJKP-Forderungskataloges hingegen ist übererfüllt. Laut Kulturamt hat der Eigentümer des alten Plattenwerkes ab heute rund 1000 Quadratmeter Mauerwand zur Heinrich-Mann-Allee und zu den Gleisanlagen der Deutschen Bahn offiziell für die Sprayerszene freigegeben. AJKP hatte mindestens 600 Quadratmeter als Ersatz für Flächen gefordert, die bei der Sanierung des Kulturareals Schiffbauergasse verschwunden sind.